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18 Jahre Dornröschenschlaf und ein Happy End

In diesem Märchen geht es um 15 Jahre Streit und 18 Jahre Schlaf. Um eine kleine Starke mit Jahrgang 1941 und um Russen, von denen niemand so genau weiss, was sie im Schild führten.

Es war einmal eine Seilbahn.

Klein, aber stark.
Steil, aber schnell.
Abenteuerlich, aber sicher.

Sie fuhr von Ragnatsch bei Heiligkreuz bei Sargans SG (jaja, aber auf Melser Boden) auf Palfries, überwand fast 1300 Höhenmeter in nur 12 Minuten, schwebte über den Wassserfällen des Ragnatscher Bachs wie eine Primaballerina über der Bühne.

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Aug in Aug mit den Wasserfällen: Die spektakuläre Linienführung der Palfriesbahn ist einzigartig.

Dabei war ihr Besitzer nicht etwa für Anmut bekannt. Die kleine Bahn nämlich gehörte dem Militär. Und sie war ein Kriegskind: Erbaut 1941 als Teil der Festung Sargans. Denn oben, auf der Alp Palfries (die gehört wiederum den Wartauern), da wollten Dienstleistende versorgt werden. Nur sollte niemand davon erfahren. Deshalb wurde die Seilbahn auf frei zugänglichen Karten nicht eingezeichnet – sie war Geheimsache. Allerdings geht das Gerücht, auf russischen Plänen sei die Bahn sehr wohl markiert gewesen.

Wofür, weiss keiner so genau. Wir werden es wohl nie erfahren. Denn eines Tages, man schrieb das Jahr 1998, benötigte das Militär die Bahn sowieso nicht mehr. „Wir hatten eine gute Zeit“, sagte das Militär, „aber jetzt schliessen wir die Festung, es ist vorbei.“ Die kleine Starke fiel unmittelbar in Dornröschenschlaf.

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Auf dem Hochplateau Palfries – nach nur 12 Minuten Fahrt. Links geht es Richtung Gonzen, rechts nach Stralrüfi und Sennis.

Im Sarganserland und in der Wartau aber spitzte man die Ohren. Aha! Die Palfriesbahn wurde frei! Man könnte die Bahn für Zivile nutzen; für Wanderer, Ausflügler, Familien. Bei diesem Panorama dort oben! Und war sie mit ihrer spektakulären Linienführung nicht so viel schneller als die kurvenreiche Autofahrt auf der Bergstrasse? Eben.

„Die Bahn ist wichtig für Einheimische und den Tourismus!“, riefen die Befürworter.
„Die Bahn ist schlecht für das Wild und die Ruhe“, riefen die Gegner.

Es gab ein Projekt mit viel Zustimmung aus der Bevölkerung.
Es gab eine Bewilligung.
Es gab Einsprachen.
Es gab einen Rechtsstreit, 15 Jahre lang.
Und es gab eine Einigung.

Im Frühsommer 2016 öffnete die kleine Starke vorsichtig ihre Augen.
Sie fuhr wieder, nach 18 Jahren.

Steil hinauf auf die Alp Palfries, wo längst keine Reduit-Nordfront-Truppen mehr auf Verpflegung warten. Aber das Panorama ist noch da.

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Aussicht von Stralrüfi auf den Walensee.

Hinter der Palfriesbahn stehen eine Genossenschaft und ein Verein mit vielen, vielen Freiwilligen, darunter 24 pensionierte Maschinisten. Sie sorgen für den Unterhalt und den Betrieb, nehmen Reservationen entgegen und knipsen die nostalgischen Kartonbillette.

Alles mutet an wie früher.
Das gilt auch für die Bahn.

Sie ist immer noch klein.
Genau acht Leute finden in ihr Platz.
Aber sie schafft die drei Kilometer wie eine Grosse.
Manche nennen sie liebevoll „Chischtli“.

Und oben? Oben ist fast alles möglich.

Man erklimmt  den Sarganser Hausberg, den Gonzen, in gut eineinhalb Stunden.
Man wagt sich auf die Alvierspitze oder in einer ersten Etappe auf die Alvierhütte, schlendert gemütlich nach Stralrüfi und zurück oder wandert auf die Alp Sennis oberhalb von Walenstadt.

Oder man setzt sich einfach auf die Terrasse des Bergrestaurants Palfries, schaut auf die Bergwelt und stösst auf die Geduld jener Leute an, die 18 Jahre lang unermüdlich für „ihre“ Bahn gekämpft haben und sich jetzt über eine  erfolgreiche erste Saison freuen.

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Auf Palfries sind viele Ziele plötzlich ganz nah – zum Beispiel die Alvierhütte oder der Gonzen.

Ungefähr bis Mitte November schwebt das Chischtli noch. Dann ist wieder Dornröschenschlaf angesagt. Er wird im Gegensatz zu den vergangenen 18 Jahren sehr, sehr kurz ausfallen. Schon im Frühsommer geht das Märchen der Palfries-Bahn weiter. Und weiter und weiter.

Was die Russen davon halten, weiss niemand.

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Aus dem Seilbahnfenster Richtung Westen mit Blick auf die Churfirsten.

www.seilbahn-palfries.ch

Die Bahn fährt alle 15 Minuten ab Talstation Ragnatsch und Bergstation Palfries. Unbedingt reservieren! Parkplätze bei der Talstation, Bus ab Sargans, Mels und Flums.

9 Comments

  1. Marina Z, says

    Cool. Toller Text und superschöne Bilder. Ich kenne mich in der Gegend noch nicht aus. Bis jetzt.

  2. Danke für den Tipp, liebe Franziska! Toller Beitrag und … was für eine Aussicht!

  3. War die Seilbahn wirklich so lange im Dornröschenschlaf? Schon in dem Rotpunkt-Wanderbuch „Toggenburg“ von 2005 steht: „Heute betreibt eine Genossenschaft die ehemalige Militärseilbahn nach Palfris.“
    Und nach der „ersten Etappe“ zur Alvier-Hütte gibt es keine zweite – der Gipfel ist nur ein paar Meter höher!
    Aber sonst schön – der Artikel wie auch die Gegend!

  4. Franziska Hidber says

    Danke, Patrick.
    Es gab immer wieder Anläufe, die Bahn zu betreiben, doch von Dauer waren sie nie.
    Stimmt, die zweite „Etappe“ müsste in Anführungszeichen stehen. Es gibt Leute, die sich diese Schritte für den Sonnenaufgang aufheben;-)

  5. bin via Facebook auf deinen Blog gestossen – schöne Bilder. Mal schauen habe auch noch vor diese Bahn zu benützen, verbunden mit einer Tour. Gruss Jürg von der Zimiseite

  6. Die Churfirsten beeindrucken mich immer wieder. Sei es, dass man sie vom Walensee her sieht, oder sei es vom Appenzellerland her. Sie sind eine unverwechselbare und eindrückliche Bergkette.

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