Ausflüge, Diese Woche, September

Alpenlust für Faule

Wenn der Berg ruft, sollte man ganz spontan hingehen. Vorausgesetzt,  die Rufe stammen vom richtigen Berg. Ruft hingegen der falsche Berg, ignoriert man ihn einfach. Es lohnt sich, glauben Sie mir.

Kennen Sie das? Sie sind unterwegs, der Himmel ist blau, und plötzlich hören Sie laut und deutlich, wie der Berg ruft. In meinem Fall handelt es sich hierbei um den Pendenzenberg. „Komm, erklimm mich“, schreit er hinter den Churfirsten hervor, „sofort“. Ich fahre dem Walensee entlang und kann den Pendenzenberg nicht sehen, denn er ragt auf der falschen Seite der Churfirsten in die Höhe. Seine Rufe werden sowieso übertönt. Wie, noch ein Berg, der ruft? Eindeutig. Die Stimme kommt näher und näher und säuselt: „Komm rauf, komm. Dauert ja nicht lange.“

Dieser Lockruf kommt von den Flumserbergen, keine Frage. In Unterterzen zweige ich deshalb spontan links ab und fahre auf den Parkplatz der Gondelbahn. Zwar ist mir, als hörte ich den Pendenzenberg etwas murmeln wie „du wirst es bereuen“, aber der Pendenzenberg ist so weit weg, und die Flumserberge sind so nah. „Sei still“, sage ich zum Pendenzenberg und steige in die Gondel.

12 Minuten dauert die Fahrt auf die Tannenbodenalp. Der Walensee, türkis wie nu öppis, wird kleiner und kleiner. In Oberterzen steigt eine rüstige Wanderin hinzu. „Ist das jetzt dieses neumodische Ding, das so glitzert?“, fragt sie und deutet mit der Spitze ihres Wanderstocks auf die Churfirsten gegenüber. Tatsächlich, wenn man genau hinschaut, sieht man das neue Gipfelgebäude von Herzog & de Meuron auf dem Chäserrugg.

Bei der Bergstation Tannenbodenalp trennen sich unsere Wege, meine Gondelgefährtin marschiert im Stechschritt aufwärts. Ich hingegen überquere den Parkplatz – was so unromantisch klingt, wie es ist. Doch kaum betritt man den Wiesenweg dahinter, eröffnet sich ein Panorama, das den Pendenzenberg augenblicklich verstummen lässt.

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Und um die Ecke erwartet einen bereits die Sennästube. Hier könnte man selber Käse herstellen, aber nur auf Voranmeldung. Wer aus einer Eingebung daherkommt  wie ich, trinkt einen Cappuccino, schaut in die Bergwelt, trinkt, schaut, trinkt, schaut und unterhält sich gepflegt mit dem Wanderer am Nebentisch, der seinen Alpchäs mit Brot brüderlich mit seinem Labrador teilt. Sonst ist an diesem Mittwochmorgen um 10 Uhr niemand auszumachen, und das ist schön. Die meisten Wanderer sind direkt nach Ankunft Richtung Maschgenkammbahn und Chrüz-Sessellift gezogen.

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Weiter gehts auf dem weichen Wiesenweg, vorbei an Feuerstellen, Bäumen, Bächen. Die ganze grandiose Landschaft gehört mir. Enziane blühen, vergessene Heidelbeeren locken. Gegenüber stehen majestätisch die Churfirsten, und irgendwo dahinter kauert beleidigt mein Pendenzenberg. Der Bergbauch rauscht lauter, als der Pendenzenberg je jammern könnte. Ein grüner Käfer sitzt auf einer Himbeere, wie erstarrt in Anbetracht seiner Beute. Ich sehe Disteln und höre Grillen.

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Die Schweizer-Familie-Feuerstelle ist leer, doch danach kommt mir der zweite Wanderer entgegen. Ein wissendes Nicken, wie unter Verbündeten. Er sieht auch nicht aus, als würde er heute eine schweisstreibende Tour absolvieren wollen. Nach einem kurzen Waldstück hat mich die Septembersonne wieder. Und nun sind bereits erste Geräusche auszumachen, die nicht vom Bergbach und nicht von den Grillen stammen – was da tönt und summt, ist der Sessellift Richtung Chrüz.

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Und dann sehe ich auch, wo all die Leute sind! Sie sitzen auf der Terrasse des Restaurants Molseralp. Ich setze mich dazu und esse Fischchnusperli mit Salat. Das Salatbuffet ist famos. Mit allerlei Antipasti und vier Salatsaucen. „Das hättest du mir nicht bieten könnten, Pendenzenberg“, mache ich ihn zusätzlich zur Schnecke. Wahrscheinlich ist er ohnehin für immer verstummt.

 

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Danach geht es wenige Schritte runter zur Bergstation. Ich lasse mich in die Gondel fallen, zufrieden, als wäre das hier eine Tageswanderung gewesen und nicht ein Spaziergang. Aber der Effekt ist erstaunlich ähnlich.  Nach zweieinhalb Stunden sitze ich schon wieder im Auto. Und prompt erwacht der Pendenzenberg. Er richtet sich zu seiner vollen Grösse auf und ruft „Heicho!“, so laut wie noch nie.

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  • Rundweg Tannenbodenalp – ein Spaziergang, ca. 40 Minuten, je nach Fotografier- und Pausenlust.
  • Anforderungen: Ideal für Faule, Eilige und Müssiggänger mit Lust auf Alpenluft, aber wenig Zeit.
  • Anreise: Mit der Bahn bis Bahnhof Unterterzen, die Talstation der Bergbahnen sind gleich gegenüber. Oder mit dem Auto, Parkplätze gibt es bei der Talstation.
  • Die Gondelfahrt dauert 12 Minuten. Wer Zeit mitbringt, kann auch bis Oberterzen wandern und dort zusteigen. Ostwind-Tageskarte zählt ebenso wie das Halbtax.
  • Der Weg beginnt in Tannenbodenalp hinter dem grossen Parkplatz gegenüber der Bergstation.
  • Verpflegung: Kleinere Feuerplätze und eine grosse Schweizer Familie-Grillstelle, diverse Restaurants.

2 Comments

  1. Fatima says

    Super. Endlich etwas für Faule. Und wie wusste doch P.: Die Gondelfahrt zur Tannenbodenalp soll in der Ostwind-Tageskarte enthalten sein. Ein Grund mehr, bald einmal das Heidiland zu besuchen.

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