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Back to the Roots III – Holy Cow!

Im Herbst 2015 kam ich das erste Mal mit Kühen so richtig auf Tuchfühlung. Mit der Fotoschule besuchten wir die Viehschauen in Trogen und Teufen. Das Erlebnis war einzigartig, nachhaltig und bleibt unvergesslich.

Wer mich kennt, weiss, dass ich beim Fotografieren gerne näher rangehe.

Und in Indien, dem Eldorado für Kühe kam ich voll auf meine Kosten! Praktisch an jeder Ecke steht eine Kuh und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Man kann so nahe rangehen, wie man sich traut und je nach Hornlänge der Kuh überlegt man sich das schon sehr genau.

Deshalb handelt mein dritter Indienbericht nur von Kühen und Büffeln:  wie sie leben, wem sie gehören und warum sie eigentlich heilig sind.

Mythologisch gesehen hat die Kuh ihre Heiligkeit dem Gott Krishna zu verdanken. Nach seiner Geburt wurde er zum Schutz vor Verfolgung in die Obhut von Zieheltern, die Hirten waren, übergeben. Er wuchs mit den Zieheltern, den Gopis (Milchmädchen) und den Kühen auf und wurde von ihnen ernährt. Dadurch erreichte die Kuh den Status einer Mutter, die es zu verehren gilt. Es gibt hinduistische Schriften, die die Kuh als Göttin Kamadhenu bezeichnen, als Wunschkuh und Erfüllerin der Wünsche.

Als Göttin Vac gibt die Kuh den Sehern ihre Visionen, den Menschen ihre Sprache, und den Priestern ihre Riten.  Bei dieser Kultstätte hier sieht man allerdings nicht eine Kuh, sondern den Stier Nandi, das Reittier Shivas. Er kauert immer beim Shiva Lingam, dem stilisierten Phallus, der Symbol für die Schöpferkraft ist. Das Shiva Lingam steht stets in einer Yoni, die eine stilisierte Vagina darstellt. An Festtagen übergiessen die Gläubigen in einer feierlichen Zeremonie den Linga zunächst mit einer Mischung aus Milch und Honig und dekorieren ihn anschliessend mit Blumen.

Indiens Kühe sind in jeder Hinsicht frei. Frei, alles zu tun, was sie wollen. Kein Zaun begrenzt ihre Bewegungsfreiheit. Andererseits sind sie auch vollkommen frei, ihr Futter selber zusammenzusuchen. Mit Ausnahmen: Will sich die Kuh an einem Marktstand am frischen Gemüse bedienen, gibts einen Stockhieb oder einen Schlag mit der flachen Hand.

Kühe wissen aber auch, wo sie willkommen sind und etwas zu Fressen bekommen. So gehen sie von Tür zu Tür und warten geduldig auf ihr Frühstück.

Diese beiden kennen sich anscheinend sehr gut. Die Kuh wartet, bis der Ladeninhaber am Morgen seinen Laden öffnet – und wird bestimmt ihr Futter bekommen.

Von meiner Cousine habe ich gelernt, dass jede Hausfrau für die Kuh in ihrer Strasse ein extra Chapati bäckt und es ihr bringt, bevor die Familie zu essen beginnt.

Ihr schmeckts. Ist jedoch schnell gegessen, und ich frage mich, wie viele Chapatis so eine Kuh braucht, um ihren Magen zu füllen.

Manchmal befindet sich die Küche auch gleich draussen vor dem Haus und die Hauskuh bleibt schön in der Nähe der potentiellen Futterspenderin.

Wer ein paar Tage im selben Ort verbringt, stellt fest, dass die Kühe tatsächlich ihre festen Strassenwohnsitze haben – und manchmal parken sie sich selber sauber ein …

Two-Wheelers also Motorräder sind übrigens des Inders liebstes Fortbewegungsmittel. Die Honda Hero meines Cousins ist dreissig Jahre alt und er sagt, er liebe sie genauso wie seinen Sohn, und sein Sohn sagt, er habe immer einen älteren Bruder gehabt 🙂

Was die Inder lieben, verzieren sie gerne in bunten Farben. Elefanten bekommen farbige Ornamente auf die Stirne und Rüssel gemalt, Kamele werden mit schwarzen Ringen oder Linien gezeichnet oder es werden ihnen gar geometrische Muster ins kurze Fell rasiert. Kühe bekommen einfach bunte Hörner.

Indiens Kühe müssen also nicht um ihre Hörner fürchten, wie ihre schweizerischen Artgenossinnen und die Aufschrift ‚Horn please‘ auf jedem Lastwagenheck fordert auch nicht zum Abschneiden derselben auf, sondern bedeutet, man soll um Himmelswillen immer hupen, bevor man zum Überholen ansetzt – aber das ist eine andere Geschichte. Kühe lassen sich übrigens von wildem Gehupe überhaupt nicht aus der Ruhe bringen.

Sie sitzen, …

gehen …

und stehen, wo es ihnen grad am wohlsten ist …

… und manchmal haben sie einfach Lust, die Menschen ein Stückchen des Weges zu begleiten.

Nicht jede Kuh aber lebt auf der Strasse, es gibt auch richtige Bauernbetriebe mit Viehhaltung.

Allerdings bedeutet das nicht, dass die Tiere in diesem Fall wohlgenährter als ihre Strassenschwestern wären …

… denn Gras wächst hier auch kaum, aber Wasser gibt es wenigstens genug, denn der River Narmada, liegt ganz in der Nähe und versorgt Mensch und Tier damit reichlich.

Behausung und Kuhrücken wirken ähnlich ärmlich, und trotzdem …

… sind die Menschen hier stolz auf ihren Besitz und bescheidenen Reichtum.

Sein ganzer Stolz ist dieses Velo – später wird es ein Two-Wheeler sein, garantiert.

Kühe sind heilig, aber sind es Büffel eigentlich auch? Für die Hindus ja. Für die Moslems sind weder Kühe noch Büffel heilig und Rindfleisch wird gerne und viel gegessen, auch in Indien. Allerdings weichen sie aus Rücksichtnahme auf die religiösen Empfindungen der Hindus auf Büffelfleisch aus, da sein Verzehr kein Tabu bricht. Theoretisch. Und praktisch ist der Export von Büffelfleisch der zumeist muslimischen Büffelzüchter ein Milliardengeschäft geworden in den vergangenen Jahren. Indien ist – man höre und staune! – inzwischen der weltweit grösste ‚Rindfleisch‘-Exporteur! Und der indische Staat verdient kräftig mit, während gleichzeitig Hindunationalisten vor Neid und Missgunst auf die erfolgreichen muslimischen Büffelzüchter den alten Hass auf die Minderheit befeuern. Der Konflikt schwelt, da der indische Ministerpräsident Narendra Modi selber ein Nationalist ist und einerseits seine Regierung kräftig verdient am Büffelfleischexport, andererseits er seine Wählerschaft bei Laune halten muss. Deshalb wird jetzt im Bundesstaat Gujarat, der Heimat des Ministerpräsidenten die Schlachtung einer Kuh mit lebenslanger Haft bestraft. Was selbstverständlich kein einziges Problem löst. Denn es geht ja um die Büffel und ob sie weiterhin von Muslims in deren Schlachthöfen geschlachtet werden dürfen. Metzger wie Kuhschützer warten weiterhin auf ein Signal aus Delhi.

Den Patriarchen, er ist der Ray Ban Man, schert das alles nicht. Er hat seinen Hof im Griff und darf sich seine verdiente Siesta gönnen.

Wir haben bisher die Strassenkühe und die Bauernhofkühe kennengelernt. Indien wäre aber nicht Indien, wenn es hier nicht etwas gäbe, das es sonst nirgendwo auf dieser Welt gibt!

Dieser Ort ist ein Kuh-Altersheim. Auf Hindi heisst das Goshala und bedeutet Kuh-Haus. Hier dürfen alte Kühe, aber auch Kälber, die zu schwach sind und nicht lange leben, sowie verkrüppelte Kühe und Ochsen ihren Lebensabend verbringen. Das Altersheim finanziert sich, wie alles Soziale in Indien über Spenden und lokale Mäzene wie zum Beispiel Tempelinstitutionen. Rund um grössere Städte befindend sich Dutzende Goshalas. In Bombay habe ich keine einzige Kuh gesehen auf der Strasse, weder im Zentrum noch unterwegs zum Flughafen und mich sehr gewundert. Jetzt weiss ich, wo sie sind … 🙂

Viele Inder besuchen die Goshalas sehr gerne, denn das Berühren des Kopfes einer Kuh gilt als segenspendend und verbessert das Karma.

Dieser Prachtskerl von Ochse ist sehr anhänglich und liebesbedürftig – leider aber hat er auch eine Angewohnheit, die einen zögern lässt, ihn zu streicheln …

… 🙂

Diese auf drei Beinen herumhinkende Kuh weiss genau, dass es um sie herum gleich so aussehen wird:

Mit einem Anhänger voller Früchtereste kurvt ein Graslader über den grossen Innenhof vom Goshala und verteilt seine Köstlichkeiten.

Besser als Pappe ist das auf jeden Fall. Indische Kühe haben eigentlich einen Rossmagen. Aber den meisten Kühen bekommt die armselige Kost auf den Strassen mehr schlecht als recht. Sie sind die Mülltrenner der Nation, suchen sich aus den Abfallhaufen die essbaren Reste heraus. dann fischen sie die Pappe raus, wenn es sonst nichts hat. Natürlich aber gerät Plastikmüll in ihre Mägen und den vertragen sie so schlecht, wie unsere Kühe hier, die ihn auf ihren Wiesen fressen, weil gedankenlose Autofahrer ihre Verpackungsreste aus dem Fenster entsorgen.

Andererseits wäre es gar nicht möglich, alle indischen Kühe mit Gras oder Silage zu ernähren. Alles würde teurer für die Menschen, bebaubares Ackerland noch knapper und die vegetarischen Lebensmittel unerschwinglich.

Deshalb, wenn immer man in Indien etwas Organisches auf der Strasse isst: einfach die nächste Kuh abwarten und ihr den Rest zu Fressen geben. Man hat dann eine heilige Handlung ausgeführt, etwas Gutes getan und sein Karma verbessert!  🙂

Abends wird gemolken, das macht die Kuh froh und den Bauern ebenso!

Das wars: Ich hoffe, mein Beitrag zur Liebesgeschichte zwischen Kuh und Mensch, wie man sie in Indien täglich erleben darf, hat Euch gefallen!

Mein nächster Bericht handelt dann von Maheswar und den Wundern, die man dort erleben kann … 🙂

 

30 Comments

  1. Heidi says

    Was für einen schönen und informativen Bericht schenkst Du uns da! Und dann noch die Fotos dazu! Sooo viele Erinnerungen werden wach und wecken Sehnsüchte nach diesem faszinierenden Land. Ich freu mich auf die Fortsetzung über Maheshwar, liebe Indra.

    • Liebste Heidi, vielen vielen Dank für Deine Worte! Auch für mich ist es ein Vergnügen, diese Berichte zusammenzustellen, nochmals alle Fotos durchzuschauen und auszuwählen und dann mit Text in einen stimmigen Zusammenhang zu bringen. Wenn es gelingt und gefällt, ist meine Freude gross!

  2. …grossartig liebe Indra, wie du unsere Themen umsetzt. Bin tief beeindruckt!

  3. Franziska says

    Umwerfend! Von der Viehschau in Trogen direkt nach Indien. Big Like!

    • Wie hätte ich anders gekonnt, my dear! Die Viehschau is always on my mind – und in Indien war sie das sogar besonders intensiv…. 🙂

  4. Fatima says

    Wundervoll, liebe Indra! Der Text und auch die galaktischen Fotos!

  5. Marianne says

    Hoi Indra Sehr schön geschrieben und fotografiert. Da hab ich sehr viel über Indien und Kühe gelernt, wusste ich alles nicht. Faszinierend. Danke für diesen sehr intressanten Einblick in eine mir fremde Welt. LG

    • Liebe Marianne, vielen Dank für Dein Kompliment! Und es freut mich sehr, wenn ich Dir die Schönheit und magische Ausstrahlung der indischen Kühe etwas näher bringen konnte. Liebe Grüsse, Indra

  6. Karin says

    ja ja ja, hat mir (m)uuuu(h)-guet gefallen! jetzt weiss ich alles über die indischen kühe, habe mehr als einmal geschmunzelt und alle deine fotos für ihre lebendigkeit bewundert. als ich in indien war vor vier jahren, habe ich sogar kühe gesehen, die in die geschäfte hinein gegangen sind (nur mit den vorderbeinen). sie standen da wie kunden und warteten geduldig, und, wie ich nun weiss, nicht vergeblich. so ein schöner beitrag!!!

    • Liebe Karin im fernen Honkong, auf Deinen Streifzügen durch diese spannende Stadt begegnet Dir sicher auch allerlei Getier… Bin schon sehr gespannt auf Deine Fotos. Und wäre schon cool, mal zusammen durch Indien zu tingeln. Du fotografierst die Lastwagen und ich – auch, denn die Kühe hab ich ja jetzt :-))

      • Karin says

        😉 ich war ja leider haxen-bedingt etwas eingeschränkt… aber ein, zwei eindrücke hab ich mitgebracht 🙂. das mit den lastwagen wäre ein toller plan… 🚛🚚❣️

  7. Meier-Schwaar Sabina says

    Liebe Indra Danke für den tiefen Einblick über die Kühe in Indien. Nun weiss ich auch etwas über die indischen Kühe und nicht nur über das Grauvieh..Bewegende Fotos. Freue mich auf mehr

    • Ah Sabina! Wie wunderbar, danke für Deinen Besuch auf mittwochs.ch und tausend Dank für Deine Worte. Freue mich sehr darüber! Liebe Grüsse und schöni Oschtere, Indra

    • Indra Joshi says

      thank you very muh! Habe mir viel Muh also Mühe gegeben … 🙂

  8. Thomas says

    Liebe Indra

    ….auch dieser Bericht mit diesen herrlichen Fotos, interessanter Bild-Perspektive und informativen Texten machen das Lesen zu einem GEmuuhSS! 🙂

    • Indra says

      Lieber Thomas, Danke vielmuhl für dein Kompliment. 😀 Es hat wirklich viel Spass gemacht, ihn zusammenzustellen. Vom Fotografieren in Indien gar nicht zu sprechen … 😊

  9. Janine says

    Sehr schöner und interessanter Beitrag! Als Tierfreundin gefällt mir das Kuh-Haus besonders. Das wäre mein Traum, wenn hierzulande die Kühe nach hinduistischem Vorbild ihr Leben verbringen dürften und nicht als Gebärmaschinen, auf Hochleistung getrimmt, zur Fleischproduktion missbraucht würden.

    • Indra Joshi says

      Liebe Janine, das dachte ich mir schon, dass Dir das Kuh-Haus gut gefallen würde! 🙂 Und wenn es hierzulande schon Pferdealtersheime gibt, wäre ein Kuhaltersheim doch auch zu schaffen… warum nicht gleich im Tösstal das erste eröffnen? 🙂

      • Janine says

        Liebe Indra, das gibt es bereits! http://www.vivalavacca.ch
        Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sich diese Organisation für deinen wertvollen Beitrag interessieren könnte. 😉

  10. Ursula says

    Dein Erzählen kommt so leicht daher, und gleichzeitig vermittelst du eine unmittelbare, intime Nàhe zu dem Land, den Menschen und seit heute muss ich anfügen, auch zu den Kühen. In deinen Bildern und Geschichten zu versinken bedeutet pure Sinnesfreude.
    Ursula

  11. Barbara Tschirren says

    Liebe Indra

    Das ist ja so spannend an deinen Indieneindrücken teilzunehmen.

    Und du hast eine wirklich wunderbare Form gefunden, deine ‚schreiberischen‘ und fotografischen Talente zu diesen Bildergeschichten zu verweben…gratuliere!
    Barbara

  12. Maya Gehrig says

    Wie immer ungemein interessant und unterhaltsam geschrieben, danke liebe Indra!!!!!

    Liebe Grüße

    Maya

  13. Werner Steiger says

    Sali Indra

    Das ist wahrlich eine Liebe….das ist wahrlich wunderbare Bilderzeit.
    Ich danke dir dafür und wünsche dir viel Mittwochsfreude auch am Donnerstag…
    Mit einem lieben Gruss aus dem Atelier Westblick…

    Werner vom Fotostammtisch

    • Lieber Werner
      Das ist wahrlich eine Freude, Deinen Kommentar zu lesen! Und es ist auch eine Freude, jetzt auch zu Gast sein dürfen am Fotostammtisch im inspirierenden Atelier Westblick…
      Freudige Grüsse, Indra

  14. Gabi says

    Es ist schon alles Lob gesprochen liebe Indra, dem ich nur beipflichten kann! 👏

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