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Silsersee – glitzernde Inspiration

Was haben Thomas Mann, Anne Frank, Friedrich Nietzsche und David Bowie gemeinsam?
Sie waren dem Silsersee verfallen. Und nicht nur sie. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche etwa hat insgesamt 600 Tage in Sils Maria im Engadin verbracht, seine Bleibe nannte er „Bärenhöhle“, und er hatte den Ort keineswegs ausgesucht, um an den Gestaden des Sees den Kopf zu durchlüften und sich verwöhnen zu lassen – nein, er wollte seine Augen schonen und sparen!
(Also echt, sparen im Engadin! Heutzutage entlockt dieser Gedanke ein ungläubiges Kichern.)
Kein Wunder, nannte man ihn bald den „Einsiedler von Sils“.

Auch andere mit grossen Namen fanden hier Inspirationen für ihr Schaffen, genannt seien Hermann Hesse, Claudio Abbado, Rod Stewart, Carl Gustav Jung, Max Frisch, Carl Zuckmayer, Rainer Maria Rilke, Annemarie Schwarzenbach oder Marcel Proust, und die Liste ist längst nicht vollzählig.

Man kann es ihnen nicht verdenken. Der See glitzert je nach Tageszeit türkis, dann wieder dunkelblau, schliesslich beinahe schwarz.

Am besten betrachtet man das Schauspiel von allen Seiten. Wanderer marschieren in Sils los, gelangen via Isola nach Maloja, und kehren von dort mit dem Schiff zurück. Gemütliche besteigen das Schiff nach Maloja und fahren von dort mit dem Postauto wieder nach Sils.

Aber besser nicht sofort: In Maloja ist das Atelier von Giovanni Segantini einen Besuch wert. Hierhin zog der Maler mit seiner Familie im Jahr 1894 – weil das Licht reiner und spezieller sei als anderswo. Zu Recht: Im Alpendorf an der Grenze zum Bergell geriet er in einen regelrechten Malrausch und erlebte den Höhepunkt seiner Karriere.

Wer in Plaun da Lej (ungefähr in der Mitte auf der rechten Seeseite) im Hotel Cristallina übernachtet (Postauto-Haltestelle vor dem Haus), darf sich auf diese Aussicht freuen.

Stilvoller und gediegener ist natürlich eine Nacht im legendären Hotel Waldhaus. Sofern man – anders als Nietzsche – nicht sparen muss. Aber auch mit wenig Kleingeld liegt das Waldhaus durchaus im Bereich des Möglichen, zumindest für einen Drink.

Das Gefühl, dort zu sitzen, ist sowieso unbezahlbar.

***
Hinkommen: Postauto Nummer 4 (nach Chiavenna) der Maloja-Bergell-Linie fährt stündlich direkt ab Bahnhof St. Moritz nach Sils/Segl Maria, es hält in Plaun da Lej auf Verlangen.
Mit dem Auto ab St. Moritz Richtung Maloja.

http://www.sils.ch
http://www.postauto.ch
http://www.plaundalej.ch
http://www.segantini.com

 

8 Comments

  1. Fatima says

    So anmächelig, liebe Franziska. Und der schwarze See könnte einer düsteren Story entsprungen sein.

  2. Franziska says

    Danke vielmals. Ja, der Nachtsee schreit geradezu nach einem Krimi;-)

  3. Karin says

    Allein schon die Namen, jesses… Heimweh! (Und damit meine ich jetzt nicht Rod Stewart, sondern Plaun da Lej oder Maloja). Als Kind schleppten mich die Eltern JE-DEN Sommer ins Engadin, ich wollte ans Meer. Heute liebe ich Sils, Champfèr, das Fextal, das Val Roseg, Sassal Masone und was es da alles Schönes gibt. Du hast mich daran erinnert, wiedermal vorbeizuschauen. Tolle Fotos, übrigens.

  4. Franziska says

    Danke, liebe Karin. Ich hab meine Jugend auch quasi im Münstertal und im Engadin verbracht (und nur ein!mal! am Meer) und die eigenen Kinder dann ebenfalls fleissig ins Engadin geschleppt. War also auch für mich eine schöne Zeitreise. Und das Licht ist einfach unvergleichlich!

  5. Esther says

    Eine Gemeinsamkeit war auch, dass fast alle der Genannten im Waldhaus Sils-Maria logierten. Ein wunderschönes Hotel *****

    • Franziska Hidber says

      Ja, genau. Ausser Nietzsche;-) und Annemarie Schwarzenbach, soweit ich weiss. Mir war es bis dato auch noch nicht vergönnt, aber irgendwann… wer weiss…

  6. Gudrun Weil says

    Eine rundum gelungene Reportage. Das hat meine Erinnerung und die vielen Wanderungen um den Silsersee wieder geweckt. Habe ja schon einmal erwähnt, daß ich auch – mehrmals – im Winter ein Stück über den See gelaufen bin. Von Maloja aus bis Sils Maria. Das war sehr faszinierend und unheimlich zugleich. Wenn wir da Sprünge im Eis entdeckten, war das nicht ganz ohne 🙂 . Aber das Licht auf/über dem See zauberhaft. Und von oben gesehen einfach schön. Und von Maloja aus bin ich – auch einmal ganz alleine nach Soglio gewandert. Heute kann ich das leider nicht mehr schaffen – habe aber die schönsten Erinnerungen an das Bergell und den See. Mein Dank also an Franziska für den interessanten Bericht und die zauberhaften Bilder.

    • Franziska Hidber says

      Danke vielmals, liebe Gudrun. Von Maloja nach Soglio zu wandern, steht also bei mir weit oben auf der Liste, möglicherweise klappt es im Oktober. Und ja, das Licht im Bergell hat nicht nur Segantini verzaubert. Und dank dir möchte ich nächsten Winter mal im Schnee dem See entlang gehen, oder vielleicht darüber. Danke für die Inspiration!

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