Diese Woche, Reisen, Schottland, Wandern

Nichts für Weicheier

Wandern im Hochland von Schottland? Meine Vorstellungen waren recht präzis: Ich würde gemütlich über saftiggrüne, sanfte Hügel schlendern, ab und an einem kuscheligen Schaf begegnen und am Wegrand ständig Whisky kredenzt bekommen. Aber so war es nicht.

Eines vorweg: Es ist grossartig, einen Munro (Gipfel über 3000 Fuss Höhe, also höher als 914 Meter) zu erklimmen. Dazu ein kleiner Exkurs: Der Name Munro stammt von Sir Hugh Munro himself. Er listete erstmals alle Munros fein säuberlich auf und kam auf 282. Doch nicht etwa Sir Munro, sondern Reverend A. E. Robertson war der erste Mann, der die 282 Munros bezwungen hatte, damals, 1901.

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Robertson hat zahlreiche Nachahmer, und es werden immer mehr. „Munro Bagging“ ist in Schottland längst zum trendy Volkssport geworden. Wer alle 282 Munros schafft, darf sich auf der Liste des Scottish Mountaineering Clubs eintragen und wird als Munroist registriert. Heute umfasst die Liste rund 3000 Namen, 1982 waren es noch 250.

Bis mein Name auf der Liste steht, wird es dauern. Jahre. Oder eher Jahrzehnte. Bisher habe ich nämlich genau einen einzigen Munro erobert, den Ben Macdui im Cairngorm Nationalpark bei Aviemore. Das war einzigartig. Verrückt. Abenteuerlich. Ziemlich wild und gäch. Und es hatte so gar nichts mit meinen romantischen Vorstellungen zu tun. Es kamen keine Schafe vor und auch keine Whisky-Degustationen. Nur Hügel, aber die waren nicht lieblich grün.

Deshalb: Es gibt ein paar Dinge, die du vor deinem ersten Munro wissen solltest. Weil: Beim Wandern in Schottland ist alles anders.

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1. Mach dich nicht lustig über die Höhenangaben.

Zugegeben, auch ich habe erst gelacht. 1309 Meter über Meer, haha. Für eine Sarganserländerin ist das ein besserer Picknickhügel. Böser Denkfehler. In Schottland marschiert man ab Meereshöhe los. Die Wanderung beginnt also bei 0.

Da hat man ganz schnell 1309 Höhenmeter zu bewältigen – das entspricht dem Aufstieg von Sargans auf den Gonzen. Und der Gonzen ist wirklich kein Picknickhügel.

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2. Nimm Handschuhe, Mütze und Gamaschen mit.

Klingt schon wieder abstrus. Doch im Hochland ändert das Wetter schnell. Und dieser Wind! Bei unserer Rast auf dem Gipfel fielen die Temperaturen auf -7 Grad, selbst am 1. September. Da holst du reumütig und zügig die Handschuhe hervor, selbst wenn du bei Abmarsch deinem Guide die Ohren vollgeplöfft hast, dass du so gar nicht zum Frieren neigst.

Die Gamaschen sind super praktisch, wenn man Flüsse und Bäche überqueren muss. Und man quert dauernd irgendwelches Gewässer. So bleiben Schuhschaft und Hose trocken, und du musst die Regenhose nicht von Anfang an montieren. Aber mitnehmen. Genau wie eine Mütze, eine wasserdichte Jacke und einen Rucksackschutz. Und einen Faserpelz.

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3. Nimm vor allem einen Guide mit.

Wie, einen Guide? Wo du doch schon die längsten Bergwanderungen allein unternommen hast? Ja, ja. Die Schotten haben eine andere Vorstellungen von Wandern. Abseits der grossen Pfade gibt es keine Wegweiser, nichts. Und die Wanderwege sind nicht immer als solche erkennbar. „Wir mögen es wild“, erklärte Mark Cox, mein einheimischer Guide.

Wenn dann noch Nebel aufkommt, ist es mit der Orientierung vorbei. Man kann nur noch ahnen, wo die nächste Krete ist und die Felswand in die Tiefe führt. Sofern du doch auf eigene Faust losziehen willst, brauchst du eine Karte, einen Kompass und Google Map oder ähnliches. Allerdings hat man nicht immer Empfang zwischen den Felswänden.

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4. Zeig ihm deine Socken!

Dein Guide wird dich vor dem Abmarsch inspizieren. Sei nicht erstaunt, wenn sich daraus ein merkwürdiger Dialog entwickeln sollte. In meinem Fall klang das so:

Okay, ich sehe, du hast Handschuhe dabei.
Ja, sicher.
Sind deine Wanderschuhe wasserdicht?
Hier, Gore-Tex.
Great. Zeig mir deine Socken?
Wie bitte? Meine Socken?
(Ich hielt die Schotten bis zu diesem Moment für freundliche, aber zurückhaltende Menschen. Hatten sie ein Faible für Indiskretionen? Oder einen Socken-Fetisch?)
Ja, deine Socken. Hm. Gut, gut.
Wieso wolltest du meine Socken sehen?
Ach, du glaubst nicht, was ich zu Gesicht bekommen. Es gibt Leute, die wollen in knöchelhohen Söckchen und Sneakers starten. Aber hey, wir sind hier im Hochland.

Deshalb: Zieh um Himmelswillen richtig dicke, hohe Wandersocken an. Du wirst deinen Guide sehr glücklich machen!

5. Schotten mögen wilde Wege.

„Gut präparierte Wege sind langweilig. Wir wollen Abenteuer“, übertönte Mark  den Wind und marschierte auf den wackeligen Steinen zackig voran. Der Weg kann alles sein: ein Steinhaufen, eine Wiese. Moos. Schlamm. Steintreppen. Das ist in der Tat abenteuerlich und erfordert ziemlich viel Konzentration. Und gleichzeitig fühlt man sich wie in einer Märchenwelt. Allein die Musterungen der schwarzen Steine muten wie skurrile Kunstwerke an.

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6. Du erlebst alle Jahreszeiten an einem Tag.

Gut möglich, dass du im T-Shirt loswanderst und dich über das leuchtende Heidekraut freust. Ziemlich wahrscheinlich wird das Wetter irgendwann drehen. Dann kämpft man mit drei Kleidungsschichten gegen Wind und Regen an. Eine Bergbeiz wäre schön, aber Fehlanzeige. Oben gibt es eine einfache Steinmauer in L-Form, den „Shelter“.

Wer so einen pfiffigen Guide erwischt wie ich, wärmt sich in einer Art Zeltpelerine wieder auf. Diese wird wie ein Zelt über beide gestülpt und unten mit Steinen beschwert. Da sitzt man dann gemütlich bei Chili con Carne und viel Kaffee beisammen und hört dem Wind zu, der gerade seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord brechen will. Man wähnt sich dem Nordpol nahe und überlegt, ob allenfalls Schneeschuhe sinnvoll gewesen wären. Zwei Stunden später wischt man sich wieder den Schweiss von den Stirn und hält den Kopf in den Nachmittagssonne. Sommer und Winter an einem Tag – das beherrscht Schottland meisterhaft. Oder, wie Mark es formulierte: „Wir sind eben effizient.“ Womit wir wieder beim Thema Kleider wären. Ich sag nur: Zwiebelprinzip.

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7. Der Kinoeintritt ist inklusive.

Beim Wandern im Schottland brauchst du nachher kein Kino mehr, das wird den ganzen Tag gratis geboten. Zerklüftete Felsen, mal neongrünes, dann wieder schwarzes Moos, ockerfarbene Gräser, kleine, fast pechschwarze Seen und rasende Wolken am Himmel. Garniert mit Sonne, Sturm, Wind, Regen. Es sind höchst dramatische Kurzfilme in schneller Abfolge. Manchmal spielt ein Regenbogen die Hauptrolle.

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8. Du wirst gratis gerettet.

Wer sich im Hochland verirrt oder verletzt, wird gerettet. Kostenlos. Denn die Bergrettung in Schottland ist für alle da und kommt im steinigen Gebirge oft zum Einsatz. Sie wird von den Mountains Rescue Teams ehrenamtlich betrieben, die Polizei koordiniert die Einsätze. Nummer 999 wählen, oder sechsmal pro Minute ein Signal geben (rufen, winken, pfeifen).

9. Lege nie etwas auf den Boden.

Der schottische Wind ist blitzschnell. Nur Hochland-Anfängerinnen (wie ich) legen naiv den Rucksackschutz für einen klitzekleinen Moment auf die Steine. In einem noch klitzekleineren Moment war er weg.  Auch aus diesem Grund solltest du einen Guide mitnehmen (siehe Bild).

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10. Den Whisky gibt es erst abends.

Von urigen Bergbeizen scheint in Schottland zumindest in diesem Gebiet niemand etwas zu halten. Dabei hätte ich meine Socken für einen Kafi Luz gegeben, vor allem nach dem Regensturm. Andererseits war es auch sehr schön, abends nach aller Anstrengung (gemäss Fitness-App 18 Kilometer, 245 Treppen, 32000 Schritte, sechs Stunden) vor dem Kaminfeuer zu sitzen und sich selbst mit einem Whisky zuzuprosten. Ich fühlte mich Sir Munro sehr verbunden in diesem Moment. Die Socken hatte ich da schon ausgezogen.

Wer sich jetzt trotzdem oder gerade deswegen ins Reich der Munros wagen will: Go for it. Unbedingt. Und vergiss die Socken nicht! Und die Handschuhe. Den Kompass und die Gama…

Reisetipp:
www.kontiki.ch/schottland/unterwegs-im-reich-der-munros

5 Comments

  1. Fatima says

    Toller Bericht. Da möchte Frau am liebsten gleich loswandern!

  2. Franziska Hidber says

    Danke, liebe Fatima. Dir würde es gefallen – es wird nie zu heiss:-)

  3. Franziska Hidber says

    Dafür zwischendurch saukalt. Denn ich bin eine Handschuhe-Verächterin. Wenn ich sie anziehe, soll das etwas heissen.

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